Der Vorschlag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, französische Bodentruppen in die Ukraine zu entsenden, gibt Anlass zu Diskussionen. Macron reagiert offenbar schon einmal vorauseilend auf die Krise der NATO.
Die Diskussion um NATO-Truppen für die Ukraine zeigt, wie groß die Panik im Westen nach dem Verlust von Avdiivka ist (1). Im Januar ging das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums, das wohl eher eine Geberkonferenz als eine Friedenskonferenz war, ohne greifbare Ergebnisse zu Ende, und der französische Präsident Macron versuchte offenbar, sich in Paris mit einer eigenen Konferenz zu profilieren (2). Vor dem Hintergrund der Einnahme von Avdiivka durch die russische Armee verlor diese jedoch etwas an öffentlicher Aufmerksamkeit.
Am 24. März jährt sich zum 25. Mal der erste NATO-Luftangriff auf Serbien (3). Es könnte ein unangenehmer Tag für die NATO werden, denn zahlreiche Zeitungen außerhalb des Bündnisgebiets werden sicher auf den illegalen Charakter der Luftangriffskampagne hinweisen. Zwei Wochen später, am 4. April, wird die NATO ihr 75-jähriges Bestehen feiern und will sich als erfolgreiches, starkes und geeintes Bündnis präsentieren, gerade auch im Hinblick auf den geplanten Jubiläumsgipfel in Washington im Juli (4). In den kommenden Monaten könnte der Vormarsch des Lagers von Donald Trump im US-Wahlkampf die NATO erneut in eine Krise stürzen und ein Vakuum schaffen, das Präsident Macron füllen möchte (5).
Macron würde nicht davon sprechen, französische Truppen in die Ukraine zu bringen, wenn er davon überzeugt wäre, dass die ukrainische Armee noch in der Lage ist, den Verlauf des Krieges entscheidend zu verändern. Offenbar glaubt er auch nicht mehr an die Wirksamkeit von „Wunderwaffen“. Auch die Tatsache, dass Westeuropa bisher als sicherer Hafen für die Ausbildung und materielle Unterstützung der ukrainischen Armee gedient hat, konnte die Wende des Krieges bisher nicht herbeiführen. Die jüngsten Äußerungen Zelenskys über die angeblich monströsen Verluste der russischen Armee können nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Verluste der Ukraine allmählich unerträglich werden (6).
Seit mehr als einer Woche rückt die russische Armee an mehreren Stellen immer weiter vor, und auch in Paris fragt man sich, wo die ukrainische Armee die Frontlinie wieder stabilisieren kann. In der Ukraine steht der russischen Armee seit langem eine nach der NATO-Doktrin organisierte, ausgerüstete, ausgebildete und geführte Armee gegenüber, die nicht einmal annähernd in der Lage ist, die ehrgeizigen Ziele vom letzten Sommer zu erreichen. Dies ist ein weiterer Schlag für das Image der NATO, das sie in ihrem Jubiläumsjahr nicht zu schätzen weiß.
Hoher Aufwand und hohes Risiko
Um die Krim zurückzuerobern, müsste die NATO zwei Armeekorps mit jeweils rund 80’000 Mann in die Ukraine entsenden. Darüber hinaus wäre wahrscheinlich ein weiteres Armeekorps erforderlich, um allein die Stadt Sewastopol zu erobern. Ob Macron und die NATO sich den Verlust von 5’000 toten und 4’000 invaliden Soldaten politisch leisten können, ist fraglich. Ob sie solche Verluste, die sie wahrscheinlich innerhalb eines Monats erleiden werden, ersetzen können, ist ebenfalls fraglich (7). Frankreich müsste praktisch seine gesamten Bodentruppen und einen erheblichen Teil seiner Luftwaffe in die Ukraine verlegen und damit andere Verpflichtungen vernachlässigen und Positionen außerhalb Europas aufgeben (8). Andere Länder würden zweifelsohne versuchen, aus der Schwäche Frankreichs Kapital zu schlagen.
Dennoch wäre Frankreich nur in der Lage, einen Viertel der erforderlichen Kräfte zu stellen. Die französische Armee besteht hauptsächlich aus leichten und mittelschweren Truppen, die auf globale Einsätze ausgerichtet sind. Überdies haben sich in der jüngsten Vergangenheit ukrainische Soldaten über die unrealistische Kampfausbildung beschwert, die sie bei der NATO erhalten haben (9). Dies lässt auch Zweifel aufkommen, ob die NATO-Truppen in der Ukraine überhaupt etwas bewirken können.
Der Aufmarsch der westlichen Streitkräfte in der Ukraine würde wohl etwa drei Monate dauern (10). In dieser Zeit würden möglicherweise eine grosse Anzahl der Berufssoldaten ihren Job kündigen. Es ist schwer abzuschätzen, wie viel von der ukrainischen Armee bis dahin übrigbleiben wird. Wenn starke NATO-Truppen in der Ukraine stationiert werden und die ukrainische Armee umgekehrt fast keine brauchbaren Truppen mehr hat, wird der Beitrag der Regierung Zelensky zum Krieg gegen Russland darin bestehen, ihr Land als Schlachtfeld zur Verfügung zu stellen – mit allen zu erwartenden Folgen für die Bevölkerung des Landes. Dann würde Zelensky auch den Einfluss auf die Kriegsziele seiner Verbündeten verlieren. Auch für ihn kommt jetzt ein Zeitpunkt, an dem er sich entscheiden muss.
Anmerkungen:
- Russisch Avdeevka. Siehe Michaela Wiegel: Macron schließt Einsatz von Bodentruppen in Ukraine nicht aus, bei Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, 27.02.2024, online unter https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/warum-macrons-bodentruppen-vorstoss-heftigen-widerspruch-ausloest-19548404.html, „Ex-Diplomat Ischinger nennt Bodentruppen-Idee »ein bisschen kühn, aber nicht falsch«“, bei Spiegel Ausland, 28.02.2024, online unter https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-wolfgang-ischinger-nennt-bodentruppen-idee-ein-bisschen-kuehn-aber-nicht-falsch-a-afd9a832-4365-445c-9d65-b85bdbaefacb und Stephanie Munk: Nato-Truppen in der Ukraine? Macron löst Ängste aus – „Jongliert mit Idee eines Großkriegs“, bei Merkur.de, 29.02.2024, online unter https://www.merkur.de/politik/russland-putin-scholz-westen-macron-bodentruppen-ukraine-krieg-nato-westen-weltkrieg-zr-92858309.html.
- Siehe Helmut Scheben: CH-Friedenskonferenzen: No Business like Showbusiness, bei GlobalBridge, 24.01.2024, online unter https://globalbridge.ch/ch-friedenskonferenzen-no-business-like-showbusiness/. Vgl. Ralph Bosshard: Die ukrainische Armee hat Avdiivka aufgegeben, aber an Frieden will trotzdem niemand denken, 18.02.2024, online unter https://globalbridge.ch/die-ukrainische-armee-hat-avdiivka-aufgegeben-aber-an-frieden-will-trotzdem-niemand-denken/.
- Siehe „NATO-Einsatz in Jugoslawien: Der Sündenfall?“, bei MDR, 27.03. 2019, online unter https://www.mdr.de/heute-im-osten/interview-zwanzig-jahre-nato-angriff-jugoslawien-100.html und Norbert Mappes-Niediek: Vor 20 Jahren begann der Kosovo-Krieg, bei Deutschlandfunk, 23.03.2019, online unter https://www.deutschlandfunk.de/vor-20-jahren-begann-der-kosovo-krieg-bomben-gegen-belgrad-100.html.
- Siehe „4. April 1949: Gründung der Nato“, bei Bundeszentrale für politische Bildung, 02.04.2012, online unter https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/126264/4-april-1949-gruendung-der-nato/ und Christoph B. Schiltz: Was die Nato vorhat, wenn sie 75 Jahre alt wird, bei Welt, 11.06.2023, online unter https://www.welt.de/politik/ausland/article245798132/Buendnis-Geburtstag-Was-die-Nato-vorhat-wenn-sie-75-Jahre-alt-wird.html. Karl-Heinz Kamp: Die NATO wird 75 und muss liefern; worum es beim Gipfel in Washington geht, bei Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, 08.02.2024, online unter https://dgap.org/de/forschung/publikationen/die-nato-wird-75-und-muss-liefern und Helga Schmidt: Warum Rutte nun Favorit für den NATO-Chefposten ist, bei Tagesschau, 22.02.2024, online unter https://www.tagesschau.de/ausland/europa/nato-rutte-100.html.
- Vgl. hierzu Daniel Steinvorth: So überlebte die Nato Donald Trump, bei Neue Zürcher Zeitung NZZ, 21.02.2024, online unter https://www.nzz.ch/international/so-ueberlebte-die-nato-donald-trump-ld.1814888. Vgl. „Emmanuel Macron beklagt „Hirntod“ der Nato“, bei Zeit online, 07.11.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-11/frankreich-emmanuel-macron-nato-kritik, „Macron bescheinigt Nato den „Hirntod“, bei Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, 07.11.2019, online unter https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/emmanuel-macron-bescheinigt-nato-den-hirntod-16473383.html und Kai Küstner: Dauerkrise wegen Trump, bei Tagesschau,de, 03.04.2019, online unter https://www.tagesschau.de/ausland/nato-trump-117.html.
- Vgl. Alexander Kauschanski: Das ist von Selenskyjs Todeszahlen zu halten, bei Spiegel Ausland, 26.02.2024, online unter https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-was-bedeuten-selenskyjs-todeszahlen-zu-ukrainern-und-russen-a-7e38c725-af54-4d5f-91c9-776be45792e2, „Präsident Selenskyj nennt erstmals Zahl der gefallenen ukrainischen Soldaten“, bei Deutschlandfunk, 25.02.2024, online unter https://www.deutschlandfunk.de/praesident-selenskyj-nennt-erstmals-zahl-der-gefallenen-ukrainischen-soldaten-100.html#:~:text=Auch%20zur%20Zahl%20der%20zivilen,180.000%20Tote%20und%20500.000%20Verletzte und „Selenskyj verkündet neue Kriegspläne, will aber keine Details nennen“, bei RedaktionsNetzwerk Deutschland, 26.02.2024, online unter https://www.rnd.de/politik/ukraine-krieg-selenskyj-beziffert-erstmals-eigene-verluste-PRQHIE3VSNLFJFP74RQZ3XMAHU.html. Vgl. Gretchen Small: Ukraine Issues Urgent Appeal for West To Silence Reports of Ukraine’s Collapse, bei Executive Intelligence Review, 28.02.2024, online unter https://eir.news/2024/02/news/ukraine-issues-urgent-appeal-for-west-to-silence-reports-of-ukraines-collapse/.
- Die Kriegserfahrungen der letzten Jahrzehnte sagen, dass ein Kampftruppen-Bataillon, also Panzer, Mechanisierte Infanterie (im postsowjetischen Raum Motorisierte Schützen genannt), Fallschirmjäger oder Marine-Infanterie im Verlauf eines Kampftages von 8 bis 12 Stunden Dauer Verluste von bis zu 7% erleiden, davon 25% Gefallene sofort. Von den Verletzten sterben später in den Spitälern oder Lazaretten weitere 10% und circa ein Drittel bleibt dauerhaft untauglich für die Frontverwendung. Bei den Unterstützungstruppen, also Artillerie, Pionieren (Genie), Luftabwehr und anderen sind die Verlustraten etwas niedriger: 3% Verluste, wovon 20% Gefallene. Das waren die Zahlen in den Kriegen der jüngeren Vergangenheit und es wäre verwunderlich, wenn sie im gegenwärtigen Krieg in der Ukraine gänzlich anders wären. Vgl. Ralph Bosshard: Zelenskys ratlose Verbündete werden langsam schädlich, bei bkoStrat, 02.10.2023, online unter /2023/10/02/zelenskys-ratlose-verbuendete-werden-langsam-schaedlich/.
- Die gepanzerten Großverbände der französischen Armee sind die 1. und die 3. Panzerdivision: Siehe „1re division“ auf der Homepage der französischen Landstreitkräfte (Armée de Terre), online unter https://www.defense.gouv.fr/terre/nos-unites/niveau-divisionnaire/1re-division und “ 3e division“ unter https://www.defense.gouv.fr/terre/nos-unites/niveau-divisionnaire/3e-division.
- Siehe Markus Reisner: „Katerstimmung“ für die Ukraine? – eine Lagebeurteilung von Oberst Markus Reisner, auf der Homepage des Österreichischen Bundesheers, 08.01.2024, online unter https://www.bundesheer.at/aktuelles/detail/katerstimmung-fuer-die-ukraine-eine-lagebeurteilung-von-oberst-markus-reisner.
- So lange könnte es dauern, bis sämtliche benötigten Kräfte in die Ukraine verlegt sind, denn die Schnelleingreif-Kräfte aller NATO-Mitgliedsländer im Rahmen der NATO Response Force würden auf keinen Fall genügen. Selbstverständlich könnten die beteiligten Länder ihren NATO-Verpflichtungen nicht mehr nachkommen.
- Titelbild: charlemagne, Versailles, online unter https://pixabay.com/photos/versailles-sun-king-sun-94574/. Die Residenz des Sonnenkönigs.


